Martin Burwinkel steht vor dem Logo von Burwinkel Kunststoffwerk und hält eine Kunststoffkette in den Händen.

Nachhaltigkeit

Wertstoff statt Wegwerfware

Martin Burwinkel zeigt, warum Kunststoff als Wertstoff, Vertrauen in der Führung und sichtbare Kommunikation für nachhaltige Veränderung zusammengehören.

Kunststoff steht in der öffentlichen Debatte oft für Verpackungsmüll und Meeresverschmutzung. Für Martin Burwinkel steht er für einen Werkstoff, der sich drei-, vier- oder fünfmal nutzen lässt. Als Geschäftsführer der Burwinkel Kunststoffwerk GmbH in Mühlen will er genau diese Perspektive sichtbar machen.

In einer Studio-Vechta-Folge spricht der Unternehmer über Nachfolge, Führung durch Vertrauen und die Frage, warum gute Arbeit allein nicht reicht. Das Gespräch verbindet die Zukunft der Kunststoffbranche mit einer Haltung, die im Familienunternehmen seit Jahrzehnten gelebt wird: Verantwortung übernehmen, Dinge anpacken und offen darüber reden.

Burwinkel Kunststoffwerk in Zahlen

Das Unternehmen fertigt seit fast 50 Jahren im Spritzguss im Süd-Oldenburger Münsterland. Rund 130 Mitarbeitende arbeiten dort in drei Schichten; 17 Nationalitäten gehören zum Team. Die Bauteile reichen von 0,5 Gramm bis 9 Kilogramm. 2025 erhielt das Unternehmen den CSR-Preis der Bundesregierung.

Raus in die Welt, zurück nach Mühlen

Martin Burwinkel war acht Jahre alt, als sein Vater das Unternehmen gründete. Der Weg in die Geschäftsführung war dennoch nicht vorgezeichnet. Nach dem Studium zum Wirtschaftsingenieur arbeitete er bei einem Automobilzulieferer, in der Kunststoffverpackung in Thüringen und bei Beiersdorf in Hamburg. Dort erlebte er die Branche aus Kundensicht und die langen Wege eines Konzerns.

1996 kehrte er nach Mühlen zurück, baute zunächst das Qualitätsmanagement auf und wurde 2003 Geschäftsführer. Sein Bruder führt heute ein eigenständiges Kunststoffunternehmen. Beide arbeiten bei Ausbildung und Einkauf eng zusammen – mit der klaren Rollenverteilung, dass auf jeder Brücke nur ein Kapitän steht.

Führung braucht Vertrauen und Verantwortung

Technisches Wissen hielt Martin Burwinkel früher für die größte Hürde. Heute beschreibt er die Führung von Menschen als die eigentliche Aufgabe. Bei Burwinkel gibt es keine klassische Arbeitsvorbereitung: Mitarbeitende kennen ihre Aufgaben und den Zieltermin, wie sie dorthin kommen, entscheiden sie selbst. Frühe Investitionen in EDV machen das nötige Wissen im Unternehmen zugänglich.

Vertrauen bedeutet dabei nicht, jede Person mit derselben Verantwortung zu belasten. Wer Entlastung braucht, bekommt sie. Wer sich entfalten will, erhält Raum. Diese Haltung gilt im ganzen Unternehmen – vom Auszubildenden bis zur Geschäftsführung.

Generationswechsel: Loslassen und dazulernen

Sein Vater stand hinter Martin Burwinkels Entscheidungen und hielt ihm den Rücken frei. Diese Haltung gibt er heute weiter. Seit drei Jahren führt er das Unternehmen gemeinsam mit dem 32-jährigen Co-Geschäftsführer Steffen Breitenstein.

Der Wechsel verändert auch die eigene Rolle. Vertrauen heißt für Martin Burwinkel, nicht nur Entscheidungen abzugeben, sondern unterschiedliche Wege zuzulassen. Fehler gehören dazu – und werden zu einer Voraussetzung, damit die nächste Generation Verantwortung übernehmen kann.

Enkelfähigkeit statt Pflichtübung

Vor rund fünf Jahren erkannte das Unternehmen, wie stark Plastic Bashing auf die Branche wirkte. Die Antwort war keine Verteidigung, sondern Transparenz. 2022 und 2023 entstanden Nachhaltigkeitsberichte, die erstmals Daten aus Finanzen, Produktion, Reklamationen und Energie zusammenführten.

Martin Burwinkel vermeidet das Wort Nachhaltigkeit inzwischen bewusst. Er spricht lieber von Enkelfähigkeit: Entscheidungen so zu treffen, dass auch kommende Generationen davon profitieren. Das passt zur Perspektive eines Familienunternehmens besser als kurzfristige Quartalslogik.

Stakeholder mitnehmen

Für die konsequente Einbindung seiner Stakeholder erhielt Burwinkel 2025 den CSR-Preis der Bundesregierung. Der Anspruch zeigt sich nicht nur in Berichten. Kundinnen und Kunden werden zu Verpackungsfragen angesprochen, Schulen und Grundschulklassen besuchen das Werk, und Mitarbeitende erklären auf der Straße, wer an der Maschine gearbeitet hat.

So entsteht mehr als Imagepflege. Nachhaltigkeit wird im Alltag konkret – in Gesprächen, in sichtbarer Arbeit und in Beziehungen zu Menschen, die mit dem Unternehmen verbunden sind.

Nachhaltigkeit ist häufig wirtschaftlich sinnvoll

Martin Burwinkel widerspricht der Annahme, nachhaltiges Handeln koste immer mehr. Nach seiner Erfahrung kann ein anderes Design Material sparen. Dünnere Wandstärken oder recyclingfähige Lösungen können Produkte günstiger machen, auch wenn einzelne Werkzeuge zunächst aufwendiger sind.

Bei der europäischen Verpackungsverordnung PPWR sieht er deshalb weniger ein Regelungs- als ein Kommunikationsproblem. Das Ziel sei richtig. Entscheidend ist, Unternehmen frühzeitig zu erklären, was sich verändert und welche Optionen es gibt.

Gutes tun und darüber reden

Die Auszeichnung zum Unternehmer des Jahres im Oldenburger Münsterland brachte Martin Burwinkel und seiner Frau zunächst eine schlaflose Nacht. Die große Bühne entspricht nicht ihrer Art. Genutzt haben sie sie trotzdem, um über Kunststoff und Nachhaltigkeit zu sprechen.

Seine Botschaft an die Region ist klar: Wer gute Arbeit leistet, muss auch darüber sprechen. Sichtbarkeit ist kein Selbstzweck. Sie hilft dabei, konkrete Lösungen einzuordnen, Vertrauen aufzubauen und andere Unternehmen zum Mitmachen einzuladen.

Was Unternehmen daraus mitnehmen können

Kreislaufwirtschaft beginnt nicht erst mit Verordnungen. Sie beginnt mit einer Haltung: Material wertschätzen, Dinge reparierbar denken und Entscheidungen so treffen, dass sie auch morgen tragen. Dafür braucht es Führung, die Verantwortung überträgt, und Kommunikation, die die eigene Arbeit verständlich macht.

Das Gespräch mit Martin Burwinkel zeigt, wie sich ein Familienunternehmen als Kunststoffwerk weiterentwickeln kann – nicht durch große Worte, sondern durch konkrete Schritte, vertrauensvolle Zusammenarbeit und den Willen, die eigene Geschichte sichtbar zu machen.

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